«Durch dick und dünn»:
Armes Velo

Dr. Heinrich von Grünigen ist nicht nur eine Radiolegende, sondern auch bekannt für seinen Kampf gegen das Übergewicht. Und das sowohl als Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS) wie auch als Privatperson. Viel Spass mit der neuen Folge seiner eBalance-Kolumne «Durch dick und dünn»! 

Das ist mir schon länger nicht mehr passiert. Nachdem ich heute Vormittag auf dem Weg ins Büro beim kleinen Trafik meinen Lesestoff besorgt hatte, wieder auf die Strasse trat und mich daran machte, aufs Fahrrad zu steigen, kam mir ein dürres Männchen entgegen, das mit seinen Armen gestikulierte und dazu rief: „Armes Velo..!“

Was er damit meine, fragte ich ihn. Er guckte mich über den Rand seiner Covid-Maske hinweg an und machte mit beiden Händen eine ausladende Bewegung. Mit leicht südländischem Akzent sagte er: „Du so gross und schwer…“ – Da wusste ich, was sein Problem war. Du hast gut reden, sagte ich, du schmaler Wurf. Schau zu, dass du nicht verhungerst! Mit meinem Fahrrad hatte ich kein Mitleid. Es ist ein Flyer mit extrastarker Rahmenkonstruktion, den ich vor zehn Jahren erstanden hatte, als ich noch 180 Kilo wog.

Wie sind solche Feedbacks zu bewerten? Ist es dumpfe Dicken-Diskriminierung? Oder einfach eine spontane, naive Bekundung eines subjektiven Eindrucks? Ich konnte es dem Männchen nicht übelnehmen. Es trifft zu, dass ich über die Feiertage wieder etwas zugelegt habe… aber ein wesentlicher Anteil meiner offenbar opulenten Erscheinung war wohl auch der dicken Vermummung geschuldet, in die ich mich auf Empfehlung unserer Medien gehüllt hatte. Schliesslich galt es, sich gegen die Kälte zu wappnen, die akut über uns hereingebrochen ist.

Ich schwang mich auf den Sattel und rollte davon, nicht ohne dem mageren Monierer nochmals zuzuwinken. Nebenwirkungen des übergewichtigen Alltags? Man muss damit leben. Sich ärgern bringt nichts.


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