«Durch dick und dünn»:
What About The Children?

Dr. Heinrich von Grünigen ist nicht nur eine Radiolegende, sondern auch bekannt für seinen Kampf gegen das Übergewicht. Und das sowohl als Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS) wie auch als Privatperson. Viel Spass mit der neuen Folge seiner eBalance-Kolumne «Durch dick und dünn»! 

Es geht ums Kindswohl. Ums Wohlergehen der Heranwachsenden. Das Titel-Zitat stammt von einem altgedienten Aktivisten des Schweizer Kinderhilfswerks Terre des hommes, das ich einige Jahre lang präsidieren durfte. Wenn sich der Stiftungsrat in hitzigem Argumentieren über organisatorische, strukturelle oder ethische Probleme stritt, warf er diesen zentralen Satz mit seiner ruhigen Stimme in die Debatte: Und was ist jetzt mit den Kindern?

Diese Frage ging mir durch den Kopf, als ich las und hörte, wie kürzlich in unseren Räten über das zu revidierende Tabakproduktegesetz diskutiert wurde. Da waren es vor allem die strammen Rechtspopulist*innen, die sich zwar doppelzüngig zur Wichtigkeit des Schutzes der Jugendlichen bekannten, sich aber gleichzeitig gegen jede weitergehende Regulierung verwahrten, welche die kommerziellen Interessen der Tabakindustrie tangieren könnte.

Was sich hier mit dem Schadstoff Nikotin abspielte, läuft vergleichbar auch ab bezüglich der Werbung für sogenannte „HFSS“-Lebensmittel (= High Fat, Sugar and Salt), die gezielt an Kinder und Jugendliche gerichtet ist. In den letzten Jahren hat sich der Medienkonsum der Jungen zunehmend weg von den klassischen Angeboten wie Radio, TV und Presse in die Sozialen Medien und Streaming-Plattformen sämtlicher Spielarten verlagert. Die geltenden Bestimmungen bezüglich Schutz der Jugendlichen vor „ungesunder“ Werbung und entsprechendem Marketing sind aber nach wie vor auf die linearen Angebote ausgerichtet.

Hier besteht ein enormer Nachholbedarf, denn die technische Entwicklung in den digitalen Angeboten schreitet rasant voran mit personalisierten Werbebotschaften, die zielgerichtet auf die jeweiligen User*innen abgestimmt sind. Die WHO hat einen sehr informativen, 70 Seiten starken Bericht zu dieser Thematik erstellt, der aufzeigt, wie diese Mechanismen funktionieren und wo die Staaten durch geeignete Gesetzgebung Einfluss nehmen können.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV hat sich dieses Problem mit hoher Priorität auf die Fahne geschrieben. Das ist verdienstvoll und wichtig. Wenn ich aber an gewisse Voten im Parlament denke, wird mir flau im Magen und ich frage mich, wie „wirksam“ eine Schweizer Regelung letztlich dann sein wird, nachdem sie durch die Kompromissmühle gegangen ist…Es wird viel Überzeugungsarbeit und hartes Lobbying unsererseits brauchen, um der geballten Marktmacht der Lebensmittelindustrie entgegenzutreten. Und unser Leitmotiv muss die Frage sein: What about the children?


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